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Textfeld: 32. Woche im Jahreskreis

MI

14. 11.

2018

Arm sein

Evangeliun

nach Markus

12, 41-44

Als Jesus einmal dem Opferkasten gegenübersaß, sah er zu, wie die Leute Geld in den Kasten warfen. Viele Reiche kamen und gaben viel. Da kam auch eine arme Witwe und warf zwei kleine Münzen hinein. Er rief seine Jünger zu sich und sagte: Amen, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr in den Opferkasten hineingeworfen als alle andern. Denn sie alle haben nur etwas von ihrem Überfluss hergegeben; diese Frau aber, die kaum das Nötigste zum Leben hat, sie hat alles gegeben, was sie besaß, ihren ganzen Lebensunterhalt.

Arm sein

Arm sein heißt: nichts und zugleich alles haben.
Ar
mut kann größte Not und zugleich größte Freiheit bedeuten. Je mehr ich gebunden bin durch den Besitz und durch das Besitzen, um so mehr bin ich auch gefesselt und blockiert in meiner Freiheit. Ich stehe unter Zwang und bin mir selbst gegenüber nicht mehr frei. Ich muss zwar meine Ab-Gaben erbringen und ich will sie auch leisten, aber ich bin nicht mehr "frei-gebig". Ich muss und will meine Dienstleistungen verrichten, aber ich bin nicht frei im Dienen. Ich muss mir helfen lassen, aber ich bin nicht frei empfänglich für Hilfen und Geschenke. ich spüre immer den Zwang, alles zu bezahlen und mir nichts schenken zu lassen. Den Zwang spüre ich als Angst vor der Abhängigkeit. Unter diesem Zwang sind mir Ansprüche, Anrechte, Anforderungen angenehmer als das Angewiesensein auf Geschenke.
Wie kann ich haben, ohne zu besitzen? Wie kann ich gebunden und doch frei sein? Wie kann ich so geben und nehmen, dass ich und die anderen glücklich sind?
Armut ist die tiefste innere Unabhängigkeit von den irdischen und irdisch notwendigen Lebensvorgängen. Diese Unabhängigkeit gewinne ich nur durch eine tiefe Geborgenheit im Leben selbst, im absoluten Geliebtsein in Gott.
Diese Armut muss ich auf zweierlei Art einüben: im Loslassen der irdischen Zwänge, durch "opfern" (offerre, lat.: entgegenbringen, sich enthalten) und in der Einübung der Gottesbeziehung durch Gebet und Feiern bzw. Meditieren.
Gott will alles haben von mir, auch mich selbst. Aber nicht, weil er mir alles nehmen will, sondern weil er mir alles geben will: Er will mir "das Hundertfache" geben. Er will, dass ich mich in allem und mit allem von ihm beschenkt fühle und dadurch in all meinen Bindungen ganz frei werde. Dies kann hier auf Erden nur stufenweise und anfanghaft ("prinzipiell") geschehen.
Damit dies leichter geht, verzichten manche Menschen freiwillig auf Besitz wie Franziskus. Wer nichts mehr hat, dem gehört die Welt! Man kann sich auch bemühen, die vom Leben geforderten Verzichte als Befreiungschancen anzunehmen und den irdischen Besitz als Leihgabe zu verstehen, die ich verantwortlich für Gott und die Menschen und die Welt verwalten muss.
"Geistige" Armut schließlich ist die Einsicht, dass alles, was ich bin und was ich habe, nicht von mir stammt. Damit verbunden ist die Bereitschaft, daraus die Konsequenzen zu ziehen. Diese Armut ist der größte Reichtum.
Hänge dich an nichts, dann kann dich alles tragen.

E. Gruber, Lass Schaf und Wolf zusammen in dir wohnen.

Lebensbegriffe meditiert von Elmar Gruber. Don Bosco Verlag, München 1993