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Textfeld: 32. Woche im Jahreskreis

DI

13. 11.

2018

Armut

und Hunger

Dona

 Rita

Solidarität

Leonardo Boff, Am Rand  des Himmels. Geschichten von Gott und Welt. Patmos, Düsseldorf 1997.

Dona Rita lebt in der Favela. Die Armut ist groß. Oft genug haben die Kinder nichts zu essen. Morgen für Morgen verlässt Dona Rita das Haus und geht zur Arbeit in ein reiches Viertel der Stadt. Dort ist sie Hausbedienstete. Ihre Arbeit tut sie gewissenhaft. Eines Tages bietet man ihr zu Mittag ein herrliches reichhaltiges Menü an. Doch Dona Rita rührt den Teller nicht an. Sie weint nur. Nach einiger Zeit bringt man ihr ein Glas Cajú-Saft. Auf die Frage: "Dona Rita, warum essen Sie denn nicht? Warum schauen Sie denn nicht mal die guten Sachen an?", antwortete sie nur: "Meine Kinder zu Hause haben Hunger. Wie soll ich da was essen können, wenn die nichts haben?" "Was soll das denn?" fährt ihr ein Kollege in die Parade. "Hast du denn keinen Hunger?"

Natürlich habe ich Hunger", antwortete sie.
"Dann i
ss doch auch. Was hat denn das mit deinen Kindern zu tun? Iß dich satt, dann geht dir die Arbeit besser von der Hand, und zu Hause kannst du auch noch was tun."

"Nein, heute esse ich nichts", wehrt sich Dona Rita entschieden. "Wenn ich das hier essen würde, bekäme mir das nicht. Lieber fühle ich, was meine Kinder fühlen, Hunger, als das hier auch nur anzufassen. Was für eine Mutter wäre ich sonst! Ich will doch nicht aufhören, Mutter zu sein, bloß wegen eines Tellers zu essen!"

Dona Rita kann sicher nicht definieren, was Solidarität ist. Aber sie lebt sie konsequent, im tiefsten und radikalsten Sinn des Wortes. Auf der Ebene, auf der sich die Menschen mit dem Los der anderen identifizieren, im Leiden und in der Freude, im Schmerz und im Hunger, in Demütigung und Hilflosigkeit, da erweist sich Solidarität.