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DI

20. 02.

2018

Wüsten-

erfahrungen

Jürgen Werbick und Vera Krause, Dein Angesicht  suche ich.  Wege ins Beten.

Verlag Katholisches Bibelwerk Stuttgart 2005.

Dass Gebete Erfahrungsräume öffnen, ist die Sehnsucht aller betenden Menschen; Erfahrungsräume, die das Leben auf Gott hin aufbrechen. Den spektakulären Aufbruch in einen uns fremden Erfahrungsraum wagten die Wüstenmönche und --Nonnen der christlichen Frühzeit. Sie wollten sich anstecken lassen von der unendlichen Weite und Entschiedenheit der Wüsten Ägyptens und des Vorderen Orients. Hier sollte sich herausstellen, ob ihr Glaube tatsächlich zum Rückhalt des Lebens geworden war. Was diese Menschen in die Wüste trieb, war das Erschrecken darüber, wie schnell der Glaube zur bloßen Oberflächenverzierung eines Lebens werden konnte, das sich mit der Taufe kaum verändert hatte. Was sagten noch die großen Worte vom Kreuz, darüber, dass Christi Reich nicht von dieser Welt ist und nur von denen errungen wird, die entschlossen in es hineinzukommen suchen? Was bedeutet das, wenn man nach den Prioritäten der „Welt" lebte?

Die Wüste - das Leben „draußen" - konfrontierte mit der Frage, wovon und wofür man leben will und ob man es ernst damit meinte. Hier musste nicht alles Mögliche im Blick sein; alles war von den großen Alternativen bestimmt: heiß oder kalt, hell oder dunkel, hungern oder essen, dürsten oder trinken, Gott oder die Verzweiflung spüren. Dieser Unmittelbarkeit ausgesetzt, wurde den Wüstenmönchen und -nonnen eine Gebetserfahrung zuteil, die vielleicht wenig von dem in sich hat, was wir für unser Beten erhoffen. Sie wurde im Laufe der Jahrhunderte von zahlreichen Malern als ein abgründiger Raum der Versuchung dargestellt, etwa die Klause des heiligen Antonius, die zum „Spielraum" des großen Versuchers und seines monströsen, satanischen Hofstaats wird.

Die Wüste: Ort der Versuchung? Dabei hatten die Wüstenmönche und -nonnen sie aufgesucht, um den Versuchungen der Welt zu entrinnen. Aber gerade hier, wo man in Enthaltsamkeit, Askese und beständigem Gebet leben wollte, trat die Fallhöhe menschlichen Daseins in den Blick und damit auch der anspruchsvolle Sinn der Worte, die man im Gebet wagte, wenn man Christus den Herrn nannte und nach seinem Reich verlangte. In der Wüste mit ihrem Entweder-Oder offenbarten die Worte - überscharf und vielleicht überfordernd - ihren Entscheidungscharakter; wiesen sie in die Höhe des Gotteslichts und in die Tiefe des Verrats: Gott oder der Mammon, Treue oder Komplizenschaft, Ehrsucht oder Dienen wollen.

Vieles an dieser Versuchungs-Erfahrung ist uns fremd. Wir leben unser „weltliches" Christsein in Kompromissen, die die Radikalität der Wüste kaum zuließ. Aber das Beten konfrontiert auch uns mit dem Entscheidungsgewicht der Worte, die wir vor Gott und zu Ihm sprechen. Wenn wir die Worte und uns selbst nicht durch Gewöhnung abgestumpft haben, bringen sie auch uns zu Gehör, wie wenig wir oft dem gewachsen sind, was wir uns da zu sagen trauen: Mein Herr und mein Gott! - Wirklich mein Herr? Der, der Grund und Ziel meines Lebens sein soll, der, dem ich folgen will?

Große Worte können klein machen. Vor Gottes Angesicht aber leuchtet in ihnen Würde und Freiheit derer auf, die sich an sie halten; leuchtet auf, was es bedeuten könnte, Ihm mein Leben zu verdanken und es keinem anderen Herrn zu überlassen. Es gibt ein ermutigendes biblisches Gegen-Bild zur Versuchung des Antonius: die Berufung des Ezechiel. Die göttliche Herrlichkeit spricht zu ihm inmitten eines „Hofstaats" himmlischer Monstren: Stell dich auf die Füße, Menschensohn! Ich will mit dir reden (Ez 2,1). Lass dich nicht versuchen von den Einflüsterungen, die dich klein machen wollen! Und der Geist kommt und stellt Ezechiel auf die Füße, damit Gott zu ihm sprechen kann: auf „Augenhöhe". Diese Erfahrung Israels ließ die Wüstenmönche und -normen ihre Versuchungen bestehen und durchbeten. Wer vor Gottes Angesicht den Boden unter seinen Füßen riskiert und nicht aufhört, an die Worte zu glauben, die erbetend aufnehmen darf, den stellt Gott auf die Füße. Den macht Er zum aufrechten und freien Menschen, der sich nicht verbiegt, auch wenn er anderen Menschen dient.