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Wochentag der 1. Woche im Jahreskreis

14. 01. 2019

Montag

Liebe und Treue

Wien, 31.Dezember 1848

Geliebte, teure Gattin!

Nichts auf der Welt geht über ein Herz, von dem man mit Gewißheit weiß, dass es einzig und unwandelbar an uns hängt und keine Faser Falschheit und Eigensucht hat. Das fühle ich jetzt recht lebhaft, indem ich dich entbehren muss. Unsere Wohnung ist mir zuwider, und die Welt scheint ausgestorben. Ich bitte die dringend, schone Dich, achte auf Deine Gesundheit und erhalte Dich für unser beiderseitiges Wohl. Solange wir beide füreinander leben, sind wir glücklich, eins ohne dem andern ist ein zerstückeltes Werk, das keinen Zweck mehr hat. Richte täglich Deinen Sinn zu Gott, um ihm zu danken, dass er uns das große Glück gegenseitiger Liebe und Hochachtung gewährt hat. Reichtum, Ansehen, Macht, alles ist unbedeutend und nichtig gegen die Größe des Herzens – das Herz allein ist das einzige Kleinod auf der Welt! Ich kenne das Deine, ich kenne seine Güte, seine Tugend, seine Treue und seine Kindlichkeit. Ich danke Dir tausendmal für dieses Herz, bewahre es mir, ich will ihm nie eine Schande machen und will Dir alles, was an mir gut und recht ist, als Dein Eigentum bis zum Grabe bewahren...

Georg Rendl, Ehebuch, Festungsverlag 1967, Seite 48-49.

Geboren als Sohn einer armen Leinweberfamilie im Böhmerwald, kam er nicht vierzehnjährig an das Gymnasium des Benediktinerstiftes in Kremsmünster. 1826 begann er in Wien Jura zu studieren. Er besuchte Vorlesungen über Mathematik, Naturwissenschaften und Kunstgeschichte.
Erste Gedichte veröffentlichte Stifter unter einem Pseudonym und widmete sich der Malerei. Noch zu Lebzeiten wurde Stifter als Dichter bekannt. Dieser Ruf verdeckt bis heute seine bildungspolitische Bedeutung. Er sah in der allmählichen Hebung des Bildungsstandes des Volkes die einzige Möglichkeit, die sozialen Verhältnisse grundlegend zu ändern. 1850 schlug er die Beamtenlaufbahn ein und wurde Inspektor der oberösterreichischen Volksschulen und
1855 Schulrat. Bereits 1847 bemühte sich Stifter an der Universität Wien öffentliche Vorträge Über das Schöne" halten zu dürfen, die auch für Frauen zugänglich sein sollten.

Adalbert Stifter an seine Frau

Adalbert Stifter

1805-1868